Corona-Warn-App Revisited

Seit der Veröffentlichung der deutschen Corona-Warn-App sind ungefähr zwei Monate vergangen. Die App hat einiges an Aufmerksamkeit erhalten, und zwar sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Einige der Punkte will ich versuchen einmal differenzierter betrachten.

Ich habe am 16.06. morgens meine Corona-Warn-App installiert, in den ersten 48 Stunden haben das weitere acht Millionen Benutzer getan. Aktuell sind es Anfang August fast 17 Millionen Installationen, wobei sich die Anzahl fast gleichmäßig auf Android (9 Mio) und iOS (8 Mio) verteilt. Aktuell beginnt die Anzahl der Installationen zu stagnieren, dass heißt es gab ihm Juli nur noch ca. 3 Millionen Neuinstallationen.

Anzahl der Downloads der Corona-Warn-App über den Apple App Store und den Google Play Store in Deutschland von Juni bis August 2020 (in Millionen:

Statista Infografik Installationen Corona Warn App 2020-08

Quelle Grafik: Statista – Downloads der Corona Warn App – 04.08.2020

Wer hat sich die App runtergeladen?

Aus Sicht der Verbreitung der Geräte in der Bevölkerung scheinen die Besitzer eines iPhones deutlich mehr Verantwortungsbewusstsein zu zeigen als die Android Benutzer. Denn nach den üblichen Kennzahlen ist der Marktanteil von Apple nur knapp bei einem Drittel verglichen mit Android-Geräten. Möglich ist natürlich aber auch, dass die Anzahl der für die App geeigneten Android-Geräte deutlich geringer ist als die Zahl der existierenden Geräte. Es gibt eben doch sehr viele Android-Versionen oder die Huawei-Geräte die die Exposure Notification API via Play Store nicht unterstützen. Eine Bewertung der Benutzer-Basis sind somit reine Spekulation.

Hat die App überhaupt richtig funktioniert?

Vor Kurzem konnte man in vielen Medien eine Diskussion darüber verfolgen, ob die Corona-Warn-App denn überhaupt richtig funktioniert. Grundsätzlich hat es hier wohl Probleme gegeben. Auch ich habe bestimmte Bugs bei meiner Installation erlebt.

Wenn ich das Ganze jetzt einmal ohne die Kritikalität der Corona-Pandemie und mit über 20 Jahren IT-Erfahrung betrachte: Dafür, dass sowohl die API auf Geräte-Seite, als auch die App für den Endanwender neu entwickelt wurden, gab es keine wirklich großen Probleme. Wenige Apps gehen, ohne echte Pilot- und Beta-Phasen, so steil in der Anzahl der Installationen nach oben wie es hier der Fall war. Es ist natürlich im Rahmen des Begegnungs-Tracings während der Corona-Pandemie viel schwerer ertragbar, wenn eine zentrale Komponente der Lockerungsstrategie nicht zuverlässig funktioniert als dies bei irgendwelchen trivialen Spiele-Apps der Fall ist.

Meine Erfahrung mit der Installation

Auch mich hat meine iPhone-Installation der Corona-Warn-App nach zehn Tagen mit einem ENErrorDomain-Fehler 11 begrüßt, der für mich aber nach einem Reboot des iPhones verschwunden war. Einige Tage später, mit dem Erreichen des 14. Tages der Erfassung, waren dann allerdings plötzlich meine Exposure Notification-Daten leer, sodass ich am 30. Juni wieder neu angefangen habe, Begegnungen zu sammeln. Da in dieser Zeit mein Bewegungs-Radius noch deutlich limitiert war, sehr ärgerlich, aber für mich persönlich kein Drama. Und wenn man diesen Bug genauer verfolgt, war es streng genommen kein Bug der Corona-Warn-App selbst, sondern ein Fehler in der API-Implementierung von Apple. Dieser wurde mit iOS 13.6 gelöst. In einer professionellen Betrachtung halte ich diesen Unterschied für wichtig. Dem Endbenutzer ist egal, warum die App nicht funktioniert. Auch schafft es Apple die Nutzer der App mit einer Betriebssystem-Meldung über die Aktivität der Exposure Notification API zu verunsichern. Das ist allerdings nur Information darüber, dass das Tracing aktiviert ist und hat mit der App nichts zu tun.

Läuft die App zuverlässig im Hintergrund?

Die zweite große Herausforderung für die Corona-Warn-App war und ist, trotz aller Beteuerungen der App-Entwickler und den Geräte- und Betriebssystem-Herstellern, die Fähigkeit dauerhaft im Hintergrund zu laufen. Hier können sich vermutlich alle Beteiligten die Schuld an den Problemen teilen. Bei Android sind es teilweise geräteherstellerspezifische Optimierungen am Android-Betriebssystem. Aber auch bei Apple hat sich die App nicht so im Hintergrund verhalten, wie von Apple und den App-Entwicklern vorhergesagt. Die Empfehlung heute lautet darum, unabhängig vom Betriebssystem, tatsächlich zur Sicherheit einmal an Tag die App zu öffnen. Bei Apple kann man sich ziemlich sicher sein, dass es mit den entsprechenden Updates hier Lösungen geben wird. Wie Hersteller von Android-Geräten mit notwendigen Updates umgehen ist üblicherweise nicht zuverlässig vorhersagbar.

QR-Codes vs teleTAN

Anzahl aller über die Hotline ausgegebenen teleTANs zur Verifizierung eines positiven Testergebnisses in der Corona-Warn-App in Deutschland im Juli und August 2020:

Statista Infografik TeleTAN Ausgabe CWA 2020-08

Quelle Grafik: Statista – Ausgegebene teleTANs – 04.08.2020

Es gibt noch eine weitere Stelle, die aus Sicht der IT etwas  ruckelig angelaufen ist und  heute noch nicht ganz rund läuft: Die Anbindung der Labore an die digitalen Systeme, um die QR-Codes zur Meldung der Infektion auszustellen. Hier hat die Telekom in den letzten Wochen einige Fortschritte gemacht, allerdings sind heute primäre die großen Labore an den digitalen Prozess angebunden. Der analoge Ersatz-Prozess über die sogenannten teleTANs ist datenschutzrechtlich nicht optimal, da kurzzeitig im Call-Center der Telekom die persönlichen Daten der Infizierten erfasst werden müssen. Diese werden, nach Aussage der Telekom, dann auch nach kurzer Zeit wieder vernichtet, es handelt sich hier bei um einem papier-gestützten Prozess. Aktuell sind ungefähr die Hälfte der Labore funktional angebunden, das Ziel ist hier zügig einen vollständig digitalen Workflow zu etablieren.

Kann die App auch ein Vorbild für andere Länder sein?

Ein zentraler Vorteil in Bezug auf Transparenz der deutschen Corona-Warn-App war und ist auch das darunterliegende OpenSource-Modell. Hierzu mal einige bemerkenswerte Ereignisse.

Der mittlerweile in London lebende Mitbegründer von Wikipedia, Jimmy Wales, hatte am 18. Juni vorgeschlagen, auf Basis der deutschen App in kurzer Zeit ohne nennenswerte Kosten eine Corona-Warn-App für die Briten, beziehungsweise den National Health Service (kurz: NHS) bereitzustellen. Just an diesem Tag hatte der NHS nämlich die Entwicklung einer eigenen Corona Warn-App-aufgegeben, die allerdings auch ohne die von Apple und Google vorgesehen Exposure Notification API auskommen sollte. Während Regierungschef Boris Johnson am 24. Juni noch behauptete, kein Land hätte eine funktionierende Corona-Warn-App. Nach dieser Aussage von Johnson wurde auch der Tweet von Jimmy Wales wieder verstärkt geteilt. Eine Woche später wurden über Verhandlungen zwischen Deutschland und Großbritannien berichtet, aktuell gibt es keine Informationen über eine Tracing-App des NHS.

Konkreter sind dort beispielsweise die belgischen Behörden. Diese werden auf Basis der deutschen Plattform das belgische Benutzer-Interface bauen und auch die entsprechenden Infrastrukturen drumherum schaffen, also die verantwortliche Organisation benennen, sowie Server-Infrastrukturen und Telefon-Hotlines aufbauen. Das Anpassen der App mit lokalen Übersetzungen und Logos ist in diesem Projekt nur der kleinere Aufwand.

Wird aus der deutschen App bald eine EU-App?

Die deutsche Corona-Warn-App ist mittlerweile in allen App-Stores der EU verfügbar, damit Personen aus dem EU-Ausland, die in Deutschland leben und arbeiten ebenfalls am Begegnungs-Tracing teilnehmen können. Das ist noch keine wirkliche funktionale Kopplung der europäischen Warn-Apps. Hierfür hatte die EU-Kommission Mitte Juni schon technische Richtlinien auf den Weg gebracht, die es möglich machen sollen, dass die Apps wirklich grenzüberschreitend zusammenarbeiten. Basis hierfür sind ebenfalls wieder die dezentrale Infrastruktur und Schlüsselformate wie Apple und Google sie definieren.
Ende Juli wurden die deutschen Betreiber und Entwickler der Corona-Warn-App, Telekom und SAP, damit beauftragt die Datenaustausch-Plattform zu schaffen, die den sicheren Austausch der Keys ermöglicht. In der deutschen Verteil-Infrastruktur ist ein Geo-Bezeichner schon vorgesehen. Der spannende Teil bleibt allerdings wie der Aufenthaltsort ermittelt wird, da ja den Apps, die die Exposure-Notification-API nutzen, die gleichzeitige Verwendung der Geo-Funktionen untersagt ist. Und es gibt ja mehrere Möglichkeiten: Eine Begegnung mit einem Infizierten im EU-Ausland oder man war selbst als Infizierter im EU-Ausland unterwegs. Das technische Konzept der EU nimmt hierauf Rücksicht und definiert  den sogenannten Network Mobile Country Code (kurz: NMCC) als Quelle für eine Länder-Zuordnung oder auch eine manuelle Anwender-Eingabe als Option.

Wie geht es weiter?

Für die große Reisewelle in den Sommerferien sind diese Maßnahmen nicht mehr wirksam. Allerdings kann ja aktuell niemand voraussehen, wie lange wir noch unter gelockerten Pandemie-Bedingungen leben und arbeiten müssen. Und neueste wissenschaftliche Modelle postulieren gar kein wellenartiges Auftreten mehr von Corona solange kein Impfstoff existiert, sondern eher das Modell eines Waldbrandes: Je mehr Brennbares in der Nähe ist, desto schneller verbreitet sich das Virus, aber Brandschneisen, also Abstände, können die Geschwindigkeit der Ausbreitung deutlich senken.

Im nächsten Artikel zur Corona-Warn-App werde ich mir technische Details auf den Geräten anschauen sowie die Download-Daten analysieren.


Weitere Informationen:

Warn-App in allen EU-Staaten verfügbar

Bundesregierung, 07.07.2020

Bundesregierung CWA europaweit 2020-07

 

Die Corona-Warn-App der Bundesregierung kann jetzt in allen 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union heruntergeladen werden – sowie in der Schweiz, in Norwegen und Großbritannien. In den App-Stores und Google-Play-Stores dieser Länder ist die App nun verfügbar.

Das Ziel ist, dass auch Anwender aus diesen Ländern teilnehmen können, wenn sie in Deutschland leben, arbeiten, Urlaub machen oder das Land regelmäßig oder für einen längeren Zeitraum besuchen.

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